Über den Wolken – Islands große Freiheit

Ich habe selten einen so guten und spannenden Manga gelesen. Und dabei wusste ich nicht, was mich erwarten wird. Es ist schließlich nicht als gewöhnlich einzustufen, wenn ein Manga seinen Haupthandlungsort nach Island verlegt.
 
Ich war also begeistert von Folge den Wolken nach Nord-Nordwest 01, denn die Geschichte ist fesselnd und die Story entwickelt sich nicht nur logisch, sondern auch glaubwürdig dazu.
 
Inhalt
 
Kei ist eigentlich Japaner, aber die Wirrungen des Lebens haben ihn zu seinem Großvater nach Island verschlagen. Dort hält er sich einigermaßen mit Detektivarbeit über Wasser. Als ihn die Nachricht erreicht, dass seine noch lebenden Verwandten und sein Bruder verschwunden sind, bricht er in Panik aus und macht sich auf die Suche. Er findet seinen Bruder schließlich, aber mit ihm auch eine Menge Probleme und Geheimnisse.
 
Rezension
 
Der Blick auf diesen Manga beginnt für mich mit einem Blick auf das Cover, das ich außerordentlich gelungen fand. Ich wollte das Buch unbedingt kaufen, denn ich war überwältigt davon, dass sich Aki Irie dazu entschieden hat nicht nur isländische Wörter und Sätze darzustellen, sondern auf der Rückseite auch noch Vokabeltraining anbietet. Klasse! Genau das Richtige für mich.
 
 
Auch am Gratis-Comic-Tag war Folge den Wolken nach Nord-Nordwest mit dabei!
 
Die Zeichnungen sind für mich ideal. Ich mag den Zeichenstil sehr. Es sind klare Zeichnungen. Sie wirken sehr erwachsen und lassen Kei sehr vernünftig und zielgerichtet aussehen. Der Manga kommt mit sehr wenig Fan-Service aus, was ich sehr angenehm empfand. Die Nacktszenen waren mit der Story verwoben, was ebenfalls vorteilhaft wirkte.
 
Der Aufbau der Story war absolut stark. Ich wurde ganz langsam, typisch skandinavisch, in diese Geschichte mit hineingezogen. Dann nimmt die Turbulenz zu und am Ende sind doch ein paar spannende Wendungen und Überraschungen verpackt, die eigentlich das Gefühl bewirken, gleich weiterlesen zu wollen.
 
Die Mischung aus Island, Japan und französischem Charme war für mich gut gewählt, denn das lockerte das japanlastige Inhaltsgewölbe doch bedeutend auf. Kei hatte offenbar schon in der frühen Kindheit eine problematische Beziehung zu seinem Bruder. Diese psychologische Variante wird klar als Pfeiler für die weitere Handlung gesetzt und wir dürfen uns auf einen Bruder-Konflikt freuen, der es in sich haben könnte.
 
Einziges störendes Element: Kei kann mit Autos und mit-was-weiß-ich-noch reden! Das hätte sich der Autor sparen können, es fügt der Geschichte nichts wirklich Wichtiges hinzu.
 
Wirkung
 
Der besondere Zauber des Buches ging nicht von der Spannung aus, sondern von dem extrem entspannten Beginn. Obwohl Kei sein Auto in den Graben fährt, lässt ihn das weitgehend kalt. Im Gegenteil er bewundert die spektakuläre Landschaft und fühlt sich mit dieser Zwangspause, die ihn sogar eine Nacht im Auto schlafen lässt, eigentlich ganz wohl. Eine ganz eigenartige, aber sehr angenehme Faszination macht sich beim Lesen breit.
 
Fazit
 
Der Manga erhält von mir eine eindeutige Kaufempfehlung. Ich hatte so viel Spaß beim Lesen, dass ich gar nicht anders kann, als dies so auszusprechen. Es kann keine nachhaltigen Abzüge geben, daher gebe ich 4,5 von 5 Punkten. Wer es nicht glaubt, kann sich hier die Leseprobe anschauen.
 
Ich freue mich sehr auf den zweiten Band und würde mir wünschen, dass dieser Mangastil sich öfter auf dem europäischen Markt zeigen würde. Ein Manga, der in Deutschland spielt, wäre doch auch einmal etwas völlig Neues. Ich warte.
 
Aki Irie
Carlsen Manga
248 Seiten
12 Euro
Softcover
ab 14 Jahren
 
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© Carlsen Manga (Coverabbildung)
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Der Mann meines Bruders 01 – Rührselig und Nachdenklich

Bei der neuen Manga-Reihe Der Mann meines Bruders aus dem Carlsen Manga-Sortiment handelt es sich um ein behutsames Herantasten an große Gefühle. Die homosexuelle Liebe zwischen dem Japaner Ryoji und dem Kanadier Mike ist zum Zeitpunkt des Erzählstarts bereits beendet, da Ryoji verstorben ist, ist aber die Triebfeder aller Handlungen und Gefühle, die in diesem Werk auf den Leser hereinprasseln.

Das Thema Homosexualität ist ohnehin kein unvorbelastetes Sujet, aber besonders in Japan ist die Entwicklung im Rahmen der Gay Rights noch nicht besonders weit fortgeschritten. Gengoroh Tagame weiß um diesen Mangel der japanischen Gesellschaft und klagt dies mehrfach in diesem pädagogisch wertvollen Buch an.

Inhalt:

Yaichi lebt mit seiner Tochter Kana zusammen. Mike, ein stolzer Kanadier, steht plötzlich vor der Tür und ist für Yaichi kein Unbekannter. Er hat in Kanada Yaichis Bruder, Ryoji, geheiratet. Während Yaichi große Berührungsängste mit dem Thema Homosexualität hat, kann seine Tochter Kana völlig unverfangen mit Mike umgehen. Yaichi fängt an seine Einstellungen zu überdenken.

Rezension:

Sind homosexuell ausgerichtete Menschen andere Menschen? Nein, natürlich nicht. Aber dieses Vorurteil treibt Yaichi um und wir dürfen davon ausgehen, dass Yaichi an dieser Stelle für einen Teil der japanischen Gesellschaft steht. Als Mike zum ersten Mal im Leben von Kana und Yaichi auftaucht, weiß Yaichi nicht, wie er mit ihm umgehen soll. Vielleicht isst er ja auch anders oder hat seltsame Ansichten. Besonders problematisch hat es Yaichi, da er den Eindruck hat, Mike wäre ständig auf Männer scharf. Er fühlt sich zunächst unwohl.

Diese Gefühle sind verbreitet, aber letztendlich völliger Quatsch, wie dann auch im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder von Tagame ins rechte Licht gerückt wird. Mike beweist Yaichi, dass er seinen Bruder geliebt hat, aber dass er durchaus ein völlig normaler Mensch ist. Dieses Bewusstsein durchdringt Yaichi mehr und mehr, so auch den Leser.

Toll sind die kleinen Informationsseiten zwischen einzelnen Kapiteln. Hier erfährt der Leser sehr viel über die Gay Rights Bewegung und wie es dazu kommt, dass Mike auf dem Cover ein T-Shirt trägt, auf dem ein rosafarbenes Dreieck aufgedruckt ist. Dies war zunächst im Nationalsozialismus ein Schandmal für homosexuelle Menschen. Auch danach wurde es in negativer Bedeutung benutzt. In den 70er Jahren hat die Gay Rights-Bewegung dies aber umgekehrt und seitdem steht dieses Symbol für den Stolz, den die Träger damit verbinden.

Die Unbefangenheit der kleinen Kana soll sowohl Yaichi, als auch den Leser ein Vorbild sein. Sie mag Mike einfach nur weil er nett ist. Das sollte für uns alle das entscheidende Kriterium sein. Sie beweist ihrem Vater stets, was Offenheit bedeutet und interessiert sich offenbar für die Regelungen der anderen Länder, die das Thema freizügiger behandeln als Japan dies tut.

Fazit:

Wer Lust hat, sich mit dieser Thematik ein bisschen näher zu beschäftigen, kann in die Welt von Der Mann meines Bruders eintauchen. Die Geschichte wird sensibel und ruhig erzählt. Sexuelle Andeutungen sind vorhanden, bleiben aber bisher dezent im Hintergrund.

Ich kann den Manga empfehlen und vergebe an die intelligente Geschichte 4/5 Punkten. Das große Format gefällt mir sehr gut, die Geschichte wird fließend erzählt. Den Zeichenstil finde ich nicht überragend, aber wer bin ich schon, um dies zu beurteilen?

Tagame, Gengoroh: Der Mann meines Bruders 1. Carlsen Manga 2019. Ab 15 Jahren. 180 Seiten. 10,00 €.