Der Mann meines Bruders 01 – Rührselig und Nachdenklich

Bei der neuen Manga-Reihe Der Mann meines Bruders aus dem Carlsen Manga-Sortiment handelt es sich um ein behutsames Herantasten an große Gefühle. Die homosexuelle Liebe zwischen dem Japaner Ryoji und dem Kanadier Mike ist zum Zeitpunkt des Erzählstarts bereits beendet, da Ryoji verstorben ist, ist aber die Triebfeder aller Handlungen und Gefühle, die in diesem Werk auf den Leser hereinprasseln.

Das Thema Homosexualität ist ohnehin kein unvorbelastetes Sujet, aber besonders in Japan ist die Entwicklung im Rahmen der Gay Rights noch nicht besonders weit fortgeschritten. Gengoroh Tagame weiß um diesen Mangel der japanischen Gesellschaft und klagt dies mehrfach in diesem pädagogisch wertvollen Buch an.

Inhalt:

Yaichi lebt mit seiner Tochter Kana zusammen. Mike, ein stolzer Kanadier, steht plötzlich vor der Tür und ist für Yaichi kein Unbekannter. Er hat in Kanada Yaichis Bruder, Ryoji, geheiratet. Während Yaichi große Berührungsängste mit dem Thema Homosexualität hat, kann seine Tochter Kana völlig unverfangen mit Mike umgehen. Yaichi fängt an seine Einstellungen zu überdenken.

Rezension:

Sind homosexuell ausgerichtete Menschen andere Menschen? Nein, natürlich nicht. Aber dieses Vorurteil treibt Yaichi um und wir dürfen davon ausgehen, dass Yaichi an dieser Stelle für einen Teil der japanischen Gesellschaft steht. Als Mike zum ersten Mal im Leben von Kana und Yaichi auftaucht, weiß Yaichi nicht, wie er mit ihm umgehen soll. Vielleicht isst er ja auch anders oder hat seltsame Ansichten. Besonders problematisch hat es Yaichi, da er den Eindruck hat, Mike wäre ständig auf Männer scharf. Er fühlt sich zunächst unwohl.

Diese Gefühle sind verbreitet, aber letztendlich völliger Quatsch, wie dann auch im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder von Tagame ins rechte Licht gerückt wird. Mike beweist Yaichi, dass er seinen Bruder geliebt hat, aber dass er durchaus ein völlig normaler Mensch ist. Dieses Bewusstsein durchdringt Yaichi mehr und mehr, so auch den Leser.

Toll sind die kleinen Informationsseiten zwischen einzelnen Kapiteln. Hier erfährt der Leser sehr viel über die Gay Rights Bewegung und wie es dazu kommt, dass Mike auf dem Cover ein T-Shirt trägt, auf dem ein rosafarbenes Dreieck aufgedruckt ist. Dies war zunächst im Nationalsozialismus ein Schandmal für homosexuelle Menschen. Auch danach wurde es in negativer Bedeutung benutzt. In den 70er Jahren hat die Gay Rights-Bewegung dies aber umgekehrt und seitdem steht dieses Symbol für den Stolz, den die Träger damit verbinden.

Die Unbefangenheit der kleinen Kana soll sowohl Yaichi, als auch den Leser ein Vorbild sein. Sie mag Mike einfach nur weil er nett ist. Das sollte für uns alle das entscheidende Kriterium sein. Sie beweist ihrem Vater stets, was Offenheit bedeutet und interessiert sich offenbar für die Regelungen der anderen Länder, die das Thema freizügiger behandeln als Japan dies tut.

Fazit:

Wer Lust hat, sich mit dieser Thematik ein bisschen näher zu beschäftigen, kann in die Welt von Der Mann meines Bruders eintauchen. Die Geschichte wird sensibel und ruhig erzählt. Sexuelle Andeutungen sind vorhanden, bleiben aber bisher dezent im Hintergrund.

Ich kann den Manga empfehlen und vergebe an die intelligente Geschichte 4/5 Punkten. Das große Format gefällt mir sehr gut, die Geschichte wird fließend erzählt. Den Zeichenstil finde ich nicht überragend, aber wer bin ich schon, um dies zu beurteilen?

Tagame, Gengoroh: Der Mann meines Bruders 1. Carlsen Manga 2019. Ab 15 Jahren. 180 Seiten. 10,00 €.

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